„Ein feiner, gebildeter Mensch mit großem Edelmut“

„Wir lieben Dich“. Nach diesen drei Worten des ehemaligen Oberbürgermeisters von Ettlingen Dr. Erwin Vetter brandete ein nicht endenwollender Applaus auf, der die Zuneigung und den tiefen Respekt gegenüber dem Ehrenintendanten der Schlossfestspiele Kurt Müller-Graf mehr als hörbar machte.  Weggefährten aus der Kunst- und Theaterwelt, aus Kurt Müller-Grafs Zeit der Schlossfestspiele waren nach Ettlingen in den Asamsaal gekommen, um dem Gründungsvater der Festspiele die Ehre zu seinem 100. Geburtstag zu erweisen.

Der Mime und Regisseur genoss sichtlich die Gratulationscour in seinem mit Sonnenblumen geschmückten Stuhl. Seine Hochachtung verhehlte Dr. Vetter in seinem Grußwort ebenso wenig wie seine Zuneigung zu Müller-Graf, den er als einen feinen, gebildeten Mann mit Edelmut“ bezeichnete. „Aus seinem Mund kam nie ein böses Wort über andere“, so Vetter, wohl auch deshalb ist die Wertschätzung gegenüber dem Menschen Müller-Graf so groß. Denn seine schauspielerischen Leistungen sind unbenommen.
Er war ein „Glücksfall für die Stadt und die Region“, so Vetter, der zugleich auch an die herrlichen Premierenfeiern erinnerte, Augenblicke, die „auch für ihn mit die schönsten“ gewesen seien. Als er mit Müller-Graf 1978 aus einem Fenster des Südflügels des Schlosses blickte und ihn frug, „was machen wir mit unserem Schloss“, war die prompte Antwort Müller-Grafs „Shakespeare“. Und ein Jahr später wurde im Schlosshof „Der Widerspenstigen Zähmung“ gegeben, die Geburtsstunde der Festspiele, die in diesem Jahr ihr 35.jähriges Jubiläum feiern.
Und dass es dieses Freilufttheater noch lange geben wird, ist für den derzeitigen Intendanten Udo Schürmer keine Frage, denn er habe die Medaille des eigens zum 100. Geburtstag kreierten Kurt Müller-Graf-Preises gleich mehrfach prägen lassen. Mit diesem Preis will die Stadt sein Werk würdigen und zugleich ein nachhaltiges Andenken an sein Wirken schaffen, hat Oberbürgermeister Johannes Arnold in seiner Begrüßung herausgehoben.
Der erste Schauspieler, der diese Auszeichnung erhielt, war Sebastian Kreutz, der in diesem Jahr den Truffaldino in Goldonis Werk „Der Diener zweier Herren“ spielte. Mit dieser Rolle hat er sich in die Herzen des Publikums gespielt, in dessen Händen die Entscheidung lag. Wie raunte ihm doch Müller-Graf bei der Überreichung dieses Publikumspreises mit einem freudigen Lächeln zu, „Du hast ihn verdient“.
Kaum ein Zitat hätte trefflicher sein können als jenes, das OB Arnold gewählt hatte, „alternde Menschen sind wie Museen, es kommt nicht auf die Fassade an, sondern auf die Schätze im Innern“. Die Worte Jeanne Moreaus waren für Arnold der rote Faden, der deutlich machte, die Fülle von Müller-Grafs inneren Schätzen sei so groß, dass man tagelang hindurchwandeln könne ähnlich dem Louvre.
Mit Blick auf den Jubilar erklärte der Rathauschef, sein Wunsch sei eine kleine Festgesellschaft und ein kleiner „knackiger“ Festakt gewesen, um Raum für Gespräche zu haben, der anschließend auch ausgiebig genutzt wurde. Er sei einer der wichtigsten Architekten für die musische Kunst Ettlingens gewesen, weshalb er auch 2008 die Ehrenbürgerwürde der Stadt erhielt. Ein Feuerwerk an Bonmots, Wortspielen und Vergnüglichen zündete der Festredner Rüdiger Krohn, Kritiker und Professor für Mediävistik an der Universität Fridericiana in Karlsruhe. Denn während heute die Schauspieler gewürdigt, ihnen mit Respekt begegnet werde, so war dies in der Vergangenheit keineswegs der Fall.
Sie standen im Zwielicht und seriös war der „Beruf“ auf keinen Fall. In diesem Zusammenhang erinnerte Krohn an die Zeilen“, hängt die Wäsche ab, Komödianten sind in die Stadt“. Er spannte den Bogen von den Anfängen der Schauspielerei über die ersten Regelwerke für die Mimen, mit denen man der Willkür Einhalt gebieten wollte, doch dabei übers Ziel schoss, denn nun fehlte jegliche Emotionalität, bis hin zum Regietheater Berthold Brechts und dem Theatertheoretiker Konstantin Stanislawski und damit der psychoanalytischen Seite des Schauspielens. Mit seinen Beispielen von großen Bühnendarstellern aus dem 19. Jahrhundert skizzierte Krohn zugleich auch das „Geburtstagskind“ und dessen virtuose Schauspielkunst und dessen Kreativität. Krohn verneigte sich vor dem Menschen und dem Schauspieler Kurt Müller-Graf, der „die Herzen der Menschen bis heute gewinnt“, unschwer an dem immer wieder aufbrandenden Applaus widerspiegelnd.
Für ein Geburtstagsständchen der besonderen Art sorgten die Sängerin Ruxandra Vopa und der Sänger Harrie van der Plas zusammen mit dem Pianisten Kurt Weiler, sie hatten einen neuen Text zur Melodie aus Emmerich Kálmáns Operette die „Czardasfürstin“ geschrieben und damit zugleich eine Hommage an Kurt Müller-Graf gedichtet. Für den musikalischen Rahmen auf dem Festakt sorgten der Pianist Lothar Arnold und die Querflötistin Nicole Röhrig, Musikschule Ettlingen, die Werke von Mozart und Schubert spielten.